Die Biografie und das Weglassen

Lektorat-Highlights

Bei meiner Lektoratsarbeit zur Biografie „Mit den Wölffers heulen“ war ich richtig froh, dass der Autor sie eigenhändig verfasst hat. Der Text hatte es in sich, ging es doch über einen Zeitraum der Jugend seines Großvaters in Lübeck bis weit in die 1990er Jahre mit den europaweiten Tournee-Erfolgen mit dem Musical My Fair Lady. Details aus der Theaterszene mit den Brettern, die die Welt bedeuten, musste ich manches Mal intensiv recherchieren.

Ziemlich im letzten Drittel seines Buches geht es auf Hochzeitsreise mit der zweiten Frau und ihrem Sohn Marcus nach England. Die Reise im Jaguar Mark X muss wegen des scheußlichen Wetters ein einziges Desaster gewesen sein. Was sich von Anfang an durch die Flitterwochen zieht, ist der defekte Scheibenwischer, den selbst britische Mechaniker nicht in Gang kriegen. (Eine ganz ähnliche Story ist der Autorin dieses Blogs selbst passiert mit dem MGA in Schottland. Deshalb konnte ich es gut nachvollziehen.)

Jaguar lässt die Katze springen.

Jaguar lässt die Katze springen.

Etwas verwundert war die Lektorin über eine kleine Episode im englischen Dover:
Der fünfjährige Knirps entdeckt etwas in einem Schaufenster, was er mit seinem kindlichen Sprachschatz als „Nord-Uhr“ bezeichnet. Das war schlicht ein Kompass, den ihm der Erzähler wohlwollend kauft. In der folgenden Nacht, die das Paar am Ende der Reise in trauter Zweisamkeit verbringen möchte, lässt dem Jungen diese Entdeckung keine Ruhe und der Stiefvater ist gezwungen, dem wissbegierigen Bengel die Funktionsweise zu erklären. Sofort und an Ort und Stelle im Hotelbett des jungen Paares.

Bei meiner Korrekturarbeit hatte ich sofort die Assoziation zu den frühen Erinnerungen Albert Einsteins. Er beschrieb nämlich, wie er als kleiner Junge einen Magnetkompass bekam und in heiliger Scheu bestaunte, wie die Nadel immer nach Norden wies.

Ein Hinweis auf diese Parallele wäre nicht übel, dachte ich mir. Genauso schnell verwarf ich den Gedanken wieder. Der kleine Marcus kommt in keinem weiteren Kapitel vor. Niemand erfährt, was aus ihm geworden ist. Dem Leser also einen Zusammenhang mit dem berühmten Physiker vorzugaukeln, wäre komplett irreführend. Also bleiben wir lieber beim Thema und üben uns in der Kunst des Weglassens.

Hintergründig ging es dem Autor in seiner Erzählung wohl eher darum, dass der ahnungslose Junge die Flitterer von der Liebe abhielt. Ein offensichtlich spektakuläres Detail aus der Erinnerung.
Da hätte die Lektorin mit der klugen Ergänzung riskiert, dass ihr der Berliner Regisseur möglicherweise vorhält: „Ach nee, wat hamwa denn da für ein Schätzchen? Hat keene Ahnung vom Theater, aber kommt mir hier mit Einstein, wa. War det denn eener von uns?“

Die Berliner sind ein Publikum, das schon im vorhinein merkt,
was man sagen will – deshalb kann man viel weglassen
.

Hans-Joachim Kulenkampff (1921 – 1998)

* * *

LogoDamit was bleibt.

* * *

avatar

Über Helga Koch

Foto-Biografin Inhaberin von MEMORIES and MOMENTS in Ostwestfalen-Lippe. "Macht was draus - damit was bleibt."
Dieser Beitrag wurde unter Biografie, Zitate abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.