Feldpostbriefe aus dem 2. Weltkrieg

Die Toten werden lebendig

Der Auftrag: Über 60 Briefe und Postkarten, allesamt von zwei Brüdern in Sütterlin geschrieben, sollten entziffert werden. Zusätzlich gab es eine Fibel mit klitzeklein geschriebenen Texten. Es waren aufgezeichnete Gedanken des unter erbärmlichen Zuständen in Frankreich inhaftierten Kriegsgefangenen. Dazu unglaublich gut erhaltene Karikaturen aus der Zeit seiner Kriegsgefangenschaft.
Mein bisher in absolut jeder Hinsicht berührenstes Projekt hat nun seinen Abschluss gefunden, gerade passend zu Weihnachten. Von der ersten Kontaktaufnahme bis zum abschließenden Buchdruck ist genau ein Jahr vergangen. So lange kann ein privates Buchprojekt mit persönlichen Änderungswünschen schon mal dauern.

Buchcover mit dem Originalschriftzug aus einem der Briefe. Der Familienname im Untertitel wurde aus Datenschutzgründen entfernt.

Bemerkenswert sind die Kommunikationswege: Der Auftrag kommt aus Paris – wir haben uns ausschließlich per FaceTime und E-Mail verständigt – im Mittelpunkt steht aber die Kommunikation der Feldpost. Schon während der Übersetzung der Briefe von Sütterlin ins Hochdeutsche (wenn ich es in „lateinische Schrift“ nenne, sind die Leute häufig irritiert) war klar, dass diese Dokumente von ganz besonderer Bedeutung sind.

Der Ablauf

Meine Auftraggeberin hatte die Briefe im Nachlass des Vaters gefunden. Der Vater und der Onkel haben seinerzeit regelmäßig Feldpostbriefe an die Eltern in Köln geschrieben. In Sütterlin. Nun, über 75 Jahre später, wurden all diese Briefe in einem 80-seitigen Buch zusammengefasst, um sie der Familie als für sie lesbare Dokumente zu erhalten.

Die Briefe habe ich mit der höchsten dpi-Einstellung des Druckers eingescannt, gespeichert und anschließend am Monitor Stück für Stück übersetzt. So wurden die wertvollen Originale geschont und das dauernde in die Hand nehmen vermieden.

Buchauszug mit dem Beispiel eines Originalbriefs

Es war ein Genuss, die perfekte Orthografie zu lesen. Mehr noch aber faszinierte mich der Inhalt der Briefe. Fast lyrisch beschrieb der Soldat die Natur um ihn herum. Erst in den Vogesen, später in Rumänien, dann in Bulgarien und schließlich auf dem Weg nach Griechenland. Es las sich wie die poetische Reisebeschreibung einer Gegend, die nie mehr so sein wird, wie er sie erlebt hat. Und als Übersetzerin, sprich Leserin, fühlte ich mich in diese Zeit versetzt, in die man reisen möchte, um die Unberührtheit in gleicher Weise wahrnehmen zu können. Wäre da nicht gleichzeitig das Wissen um die Kriegshandlung mit den lebensbedrohlichen Kämpfen, Kanonenschlägen und Ängsten in den Stellungen.

Und wäre da nicht die Gewissheit, dass die Natur sich inzwischen auch dort total verändert hat. Das macht betroffen und hin- und hergerissen.

Als ich den ersten Andruck des Buches in Händen hielt und ich es mich abends für das Korrekturlesen gemütlich machte – und das gebe ich hier gerne zu – überwältigten mich dann doch die Gefühle. Ich fühlte mich plötzlich zurückversetzt in die Zeit des kleinen Schulkinds, das seinerzeit in der Kinderbibel Wort für Wort vom unheilvollen Ende der Kreuzigung las. Genauso lasen sich nun die hoffnungsvollen Feldpostbriefe des Soldaten Ernst, der von seinem Schicksal nichts ahnte. Ich, als draufschauende Übersetzerin, hatte es zu diesem Zeitpunkt aber längst gewusst – und ohnmächtig mitverfolgt.

In der Druckfahne standen nun schwarz auf weiß die Gefühle und Hoffnungen der Soldaten Ernst und Karl. Während der Übersetzungsarbeit war es eine reine Tätigkeit gewesen. Jetzt erreichte mich der Text mit ungeheurer Wucht und haute mich um. Die Toten wurden lebendig.

Denn mein Vater war vom gleichen Jahrgang gewesen wie Ernst. Sein kleiner Bruder, mein Onkel Fritz, war auch gefallen. Parallelen, die in jeder, wirklich jeder Familie passiert sind. Allerdings gibt es in meiner Familie väterlicherseits keine Briefe, und es stellt sich mir die Frage nach dem Warum. Das ist aber ein anderes Thema.

Teamwork

Gemeinsame Arbeit an solchen Texten ist eine große Hilfe. Großer Dank an die pensionierte Deutschlehrerin aus Oerlinghausen, die Sütterlin perfekt beherrscht und dabei genauso penibel ist wie ich. Am Ende macht es stolz, solch eine emotionale Arbeit geschafft zu haben. Oft kam mir die Idee, wie es wohl wäre, wenn die in den Briefen erwähnten Menschen davon wüssten. Den Namen meiner Auftraggeberin möchte ich hier ohne ausdrückliche Erlaubnis nicht nennen. Aber es sei erlaubt, die in den Briefen genannten Personen und Adressen zu erwähnen:

Familie Kampmann, Paderborn
Hilde Schneider, seinerzeit auf einem Gut in Freimersdorf bei Brauweiler
Walter Rahm aus Gerolstein
Tante Hedwig in Berlin
Frau Dohle
Erika Schneickert, Saarbrücken
Dietloff Surmund, Berlin
Heinz Josef (Geschäft Schmidderen)
Leutnant der Pioniere Hans Bau
Pitt Wagner aus Jablinkau
die Postadresse Köln-Nippes, Niehlerstr. 23

Wer immer sich hier wiederfindet und Nachforschungen anstellen möchte, möge sich im Kommentar melden. In dem Zusammenhang verweise ich auf einen lesenswerten aktuellen Artikel aus der ZEIT.

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Damit was bleibt.
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Über Helga Koch

Foto-Biografin Inhaberin von MEMORIES and MOMENTS in Ostwestfalen-Lippe. "Macht was draus - damit was bleibt."
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