Als ein Wert noch was wert war

Eine schöne Weihnachtsgeschichte aus den Erzählungen meiner Mutter

„Mein größter Weihnachtswunsch war ein Fahrrad. Wir schrieben das Jahr 1948, und ich war sechsundzwanzig Jahre alt.

Im Sommer hatte die junge Bundesrepublik mit der Währungsreform jedem Deutschen vierzig Deutsche Mark ausbezahlt. Seit dem Tag, an dem ich das neue Geld von der Bank abgeholt hatte, war mir klar, dass es der Grundstock für ein eigenes Fahrrad sein sollte. Von morgens bis abends beschäftigte ich mich mit dem Gedanken, wie ich am schnellsten an ein neues Fahrrad kommen könnte. Ich brauchte es dringend. Der Bauernhaushalt in Peckeloh, in dem ich als Haushälterin beschäftigt war, erwartete selbstständiges Arbeiten, und dazu gehörte der Einkauf.

Doch bis in die nächste Stadt Versmold, wo es all die Geschäfte für den täglichen Bedarf gab, ging es über eine recht lange Strecke über einsame Straßen. Wollte ich gar in die Kreisstadt, so war ich mit dem alten Rad über eine Stunde unterwegs. Ein Weg!

Mein altes Rad, ein Vorkriegs-Modell, klapperte bereits bedrohlich, und ständig sprang die Kette ab. Ein Miele-Rad sollte es sein. Wert: mehrere hundert Mark. (Anmerk.: Wer hätte gedacht, dass dieser Weltkonzern sich mal mit Fahrrädern beschäftigt hat?) Im Verhältnis zu meinem Verdienst bedeutete das eine enorme Investition. Von meinem Elternhaus konnte ich keinen Zuschuss erwarten, meine Mutter war während des Krieges gestorben, und mein Vater hatte genug mit seinem Tischlerbetrieb zu tun.

Von meinen fünfzig D-Mark Monatslohn sparte ich bereits einen Teil für die Aussteuer, denn irgendwann, das war klar, wollte ich heiraten – wenn auch jetzt noch kein Zukünftiger in Sicht war. Wenn ein Mann auf Brautschau war, wollte eine heiratsfähige Frau auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. An der fehlenden Aussteuer sollte es dann nicht scheitern.

Eisern sparen, dachte ich mir. Nur so kommst du zu was. Wenn meine Freundinnen ausgingen, blieb ich zuhause und hielt mein Geld zusammen. Mein Arbeitgeber, der Bauer Erke, wusste um meinen sehnlichen Wunsch, und als Weihnachten nahte, leistete er großzügig eine Sonderzahlung, was ich ihm nie vergessen werde. Das wertvolle Rad wurde noch zu Weihnachten geliefert.

Geschafft!

An Heiligabend stand ich mit dem Bauern auf der kalten Deele, und wir betrachteten das nagelneue dunkelrote Fahrrad, auf dessen vorderen Blech das Miele-Zeichen silbern glänzte. Noch heute spüre ich das Gefühl von bescheidenem Stolz und ehrlicher Freude, das mir das selbst gemachte Weihnachtsgeschenk bescherte, und ich weiß heute nicht mehr, war es das Rad an sich oder dieses glückselige „Es-geschafft-zu-haben“.

Es gingen die Jahre ins Land, ich heiratete ins Lipperland, wohin ich mein schönes Miele-Rad mitnahm. Im Gegensatz zu der flachen Heimat ging es nun Einiges bergauf. Kräftig trat ich in die Pedalen. So ein gutes stabiles Rad aus deutscher Wertarbeit hatten die Dörfler noch nicht gesehen, und – so schien mir – war man hier überhaupt viel ärmer als daheim in der relativ wohlhabenden Wurstefabriken-Region.

Irgendwann hatte es ausgedient, mit dem Auto ging alles schneller. Das Rad wurde nicht mehr gebraucht, es verschwand in einer Ecke im Schuppen, die Luft ging aus den Reifen, Spinnweben legten sich auf Rahmen, Sattel und Gepäckträger. Über die Jahrzehnte wurde es einfach vergessen.

Doch dann, am Morgen meines fünfundsechzigsten Geburts­tages, zwei Wochen vor Weihnachten, stand es wieder auf der Deele. Mit prallen Reifen, geputzt und komplett in Stand gesetzt, strahlte es mich an. Meine Kinder hatten es von einem Bastler in Detmold fachmännisch überholen lassen. Als ich mich anschickte, eine Runde zu fahren, fühlte ich wieder diesen besonderen Stolz über mein erstes eigenes Gefährt, in dem das erste Währungsgeld steckte.

Es ist heute immer noch in Schuss, nach über sechzig Jahren!“

* * *

Damit was bleibt.

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Über Helga Koch

Foto-Biografin Inhaberin von MEMORIES and MOMENTS in Ostwestfalen-Lippe. "Macht was draus - damit was bleibt."
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