Hatty-Biografie: Die grünen Tropfen

Weihnachten ist für Hatty verbunden mit einer Erinnerung an Hündin Cora. Hier ein weiterer Auszug aus der Biografie eines Menschen, dessen Kindheit von besonderen Tierfreundschaften geprägt war.

Nun hatte ich schon seit ein paar Monaten keinen Hund mehr, und es wurde Weih-
nachten. Ich war in dem Alter, in dem mir niemand mehr was von diesen Weihnachts-
mann-Märchen erzählen konnte. Spannend war die Zeit trotzdem, weil das heimliche Getuschel der Eltern auffällig zunahm, wobei ich immer so tat, als kriegte ich nichts mit.

Es waren die einzigen Wochen, in denen ich es vermied, irgendwas zu tun, was die Großen verärgern konnte, und ich stellte mir vor, dass meine geheimen Wünsche trotz der finanziellen Not, die in der Nachkriegszeit herrschte, erfüllt wurden. Ich hoffte, mein vorübergehendes Bravsein würde sie glücklich machen und alles wäre friedlich.

Nach dem Besuch der Nachmittagsmesse gab es in der guten Stube die große Bescherung für meinen Bruder und mich. Unter dem Weihnachtsbaum fand sich, was man als Kind so brauchte: Warmer Winterpullover, bunte Strickhand­schuhe, gestreifter Schlafanzug, in den man noch reinwachsen sollte, und son Zeugs. Darüber musste man sich freuen und fertig. Kann sein, dass meine Dankbarkeit etwas gespielt war, was mein Vater mir wohl an meiner verdrieß­lichen Miene ansah. Er sagte aber nichts und widmete sich meinem älteren Bruder, der sich wie verrückt über irgendwas freute, das mich nun gar nicht begeistern konnte. Deswegen kann ich mich nicht mehr erinnern, was das überhaupt war.

Während ich lustlos die bunten Handschuhe überstreifte, sagte ich mir: „Kerl, so’n Satan warste doch auch nicht. So schlimm warste doch nicht, dass du nun gar nichts Vernünftiges kriegst.“

Im Kerzenschein wurde die Stille Nacht gesungen und als es so schien, dass damit der Heilige Abend rum war, wandte sich mein Vater mir zu und wies mit einer kurzen Kopfbewegung zur Tür: „Hatty, geh mal in deine Kammer gucken. Ich habe da vorhin was gehört.“

Folgsam taperte ich über die kalte Diele die knarrende steile Holztreppe hinauf, öffnete langsam die Tür zu meiner Kammer, drehte an dem Lichtschalter. Was ich dann sah, kam mir vor wie ein Wunder: Neben meinem Bett sah ich einen jungen schwarzen wolligen Hund liegen, der sich freudig aufrichtete, mit zusammengekniffenen Augen blinzelte und erwartungs­voll fiepte, als wollte er sagen: „Wo bleibst du denn den ganzen Abend?“

Plötzlich gab’s doch noch ’nen Weihnachts­mann!

Mein Vater hatte genau gewusst, dass ich mir einen Schäferhund gewünscht hatte, denn ich war jede Woche einmal zu dem neu gegründeten Schäferhundeverein in Delbrück gelaufen. Diesen Weihnachtshund nannte ich Cora.

Cora war eine Mischlingsdame, und den Anteil eines Schäferhundes ließ sie anhand ihrer wohlge­formten großen Ohren, ihrem wachen Gesicht und ihrer Statur durchblicken, aber sie blieb lange Zeit etwas mickrig. Als sie ein Jahr alt und fast ausgewachsen war, sah sie immer noch etwas zurückgeblieben aus und entsprechend zurückhaltend benahm sie sich. Es fehlte ihr schlicht an Selbstver­trauen. Rede mal einem Löwen ein, dass er mutig zu sein hat, weil er der König der Tiere ist. Solange er nicht weiß, was er ist, kannst du ihm viel erzählen. Ich hatte mir immer einen mutigen, großartigen Hund erträumt, so einen Typ Rin-Tin-Tin, den ich mal in unserem kleinen Kino gesehen hatte. Ein Hund, der auf Pfiff alles mitmachte, der über Stock und Stein folgte und sämtliche Abenteuer bestand, die ein Bengel wie ich sich ausmalte. Von diesen Jugend-Fantasien ahnte sie offensichtlich rein gar nichts.

Einmal wäre sie fast draufgegangen, als wir beim Pferdestallneubau den Zement anrührten, und sie übermütig und unbedarft wie sie war, in die gefüllte Kalk­wanne sprang. Ihr weißge­pudertes, ehemals schwarzes Haarkleid sah putzig aus, aber der ätzende Brandkalk war hochge­fährlich. Ich rettete sie rechtzeitig. Das lebensgefährliche Erlebnis trug nicht dazu bei, dass sie endlich clever wurde.

Brocken Heinz, der mir schon damals bei dem ersten Hund Bobby zur Seite gestanden hatte, wunderte sich ebenfalls, dass die Hündin nicht zu dem wurde, was sie hätte sein können. Er wusste nur einen einzigen Ratschlag: „Da musste mal die grünen Tropfen geben. Davon werden jedenfalls Brieftauben am Himmel zu Rennpferden und rodderige Karnickel zu propper Kerlen. Gibt’s in der Molkerei.“

Von der Molkerei, was heute die Landwirtschaftliche Genossenschaft ist, holte ich für vier oder fünf Mark ein Fläschchen Hakimol Grüne Tropfen. Einmal die Woche gab ich ihr zehn Tropfen in ein geschlagenes Ei. Oi! Das half – und wie! Mit jeder Dosis wuchsen Muskeln und Selbstbewusstsein, und ein paar Wochen darauf hatte ich endlich nen richtigen Schäferhund.

* * *

Damit was bleibt.

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Über Helga Koch

Foto-Biografin Inhaberin von MEMORIES and MOMENTS in Ostwestfalen-Lippe. "Macht was draus - damit was bleibt."
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1 Antwort zu Hatty-Biografie: Die grünen Tropfen

  1. avatar Fritz Mähler sagt:

    Eine schöne Schilderung.

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