Timmys letzter Weg

And the winner is …

Die Schule des Schreibens setzte meinen Beitrag aus dem Wettbewerb „Junge Autoren 2009“ auf den zweiten Platz.

Geschickt gesetzte Andeutungen am Anfang bezeichnen den Riss in Patricks Welt. Dennoch trifft ihn die Nachricht, dass der Hund eingeschläfert werden soll, mit voller Kraft. Denn Kinder verdrängen zunächst, was sie nicht ertragen können. Äußerst sensibel bringt die Geschichte diesen Zusammenhang zum Ausdruck, ohne die Gefühle auszusprechen. Die Zwischentöne klingen umso deutlicher. Eine zutiefst ergreifende Geschichte über den Tod eines kranken Tieres und die Bedeutung dieses Todes für das Kind.

Timmys letzter Weg

Als seine Mutter ihm die Tür öffnete, guckte sie anders als sonst. Und noch etwas war anders. Timmy, sein weißgrauschwarzer Hund, sprang ihm nicht wie sonst freudig entgegen. Patrick bückte sich zu dem Mischling in seinem Körbchen und hob den strubbeligen Kopf des Tieres auf. Er blickte ihm in die rehbraunen kugelrunden Augen und fragte: „Na, Kumpel? Müde?“ Ein leises Winseln war die Antwort. Patrick dachte sich nichts dabei. Gestern hatte er seinen allwissenden Vater gefragt: „Papa, wie alt werden Hunde?“
„Manchmal sehr alt“, hatte dieser geantwortet, und sein Blick war dem des Jungen ausgewichen.

Die Mutter füllte ihm einen dampfenden Eintopf auf den Teller. Patrick setzte sich auf seinen Platz und schaute ungeduldig auf die Küchenuhr. In dreißig Minuten kam der Trainer. Bis dahin wollte er fertig umgezogen auf dem Fußballplatz stehen. Die Mutter nahm die bunte Kochschürze ab und setzte sich ihm gegenüber. Über seinen Suppenteller gebeugt, schielte Patrick hoch. Noch fünfundzwanzig Minuten. Nächsten Sonntag war das Spiel gegen die erste Schülermannschaft.

„Papa kommt gleich nach Hause. Du kannst heute nicht zum Fußball.“ Die Mutter sagte es, als hätte er einen neuen Stundenplan bekommen.
„Wieso? Ich hab gleich Training.“
„Du und Papa, ihr werdet gleich zum Tierarzt fahren.“
„Och, Menno! Timmy war erst letzte Woche beim Doc. Wieso denn heute schon wieder?“
„Weil, weißt du …“ Die Mutter beendete den Satz nicht, denn in dem Moment klackte ein Schlüssel im Türschloss. Patrick hörte Timmy in gleicher Weise winseln wie vorhin. Mit einer Hand seine Krawatte lösend, setzte sich der Vater nicht ans Kopfende, sondern auf den Stuhl neben ihm und sah ihn direkt an.

Das hat dein Hund verdient

„Patrick, wir fahren gleich gemeinsam zum Tierarzt. Timmy muss eingeschläfert werden. Ich möchte, dass du bei ihm bist.“ Der Vater betonte jedes Wort. „Es ist dein Hund. Auf dem letzten Weg musst du bei ihm sein. Das hat Timmy so verdient.“

Patrick legte langsam den Löffel neben den Teller. In seinem Kopf drehte sich alles. „Aber Timmy würde wieder gesund werden. Der Tierarzt hatte bei der letzten Untersuchung so etwas gesagt.“ Empört schaute er von seinem Vater zur Mutter.
„Ich weiß“, seufzte der Vater und blickte auf den Brotkorb in der Tischmitte. „Aber es geht nicht mehr. Er muss erlöst werden.“
Die Mutter weinte leise.

Der Doktor trug einen zu seinem Haar passenden weißen Kittel. Schweigend zog er eine Spritze auf und drückte sie dem Hund an der Stelle ins struppige Fell, wo es besonders schwarz war. Patrick fühlte, wie der aufgedunsene Körper in seinen Armen leblos und schwer wurde. Der Tierarzt hielt sein Stethoskop an die Brust des Mischlings, nickte wortlos und nahm das noch warme Tier aus Patricks Armen. Der Vater öffnete die Tür und schob seinen Sohn hinaus. Im Flur brannte ein künstliches Licht. Patrick blickte zu seinem Vater auf.
„Wohin bringen sie ihn?“ Die Frage sollte selbstverständlich klingen.
„Sie kümmern sich darum. Wir können nichts mehr tun.“
Patrick spürte die Hand seines Vaters auf der Schulter. „Komm, wir gehen. Du warst sehr tapfer, mein Junge.“ Seine Stimme klang fest und erleichtert. Die Beiden traten hinaus in die grelle Sonne. Der Vater setzte sofort seine Sonnenbrille auf.

Patrick schob den Schirm seiner Baseballkappe ins Gesicht. Er hatte keine Sonnenbrille, hinter der er seine tränengefüllten roten Augen hätte verstecken können.
„Papa“, bat er, „fährst du mich jetzt zum Sportplatz?“

* * *

Meine Kurzgeschichte basiert auf einer wahren Begebenheit.

Damit was bleibt.

* * *

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Über Helga Koch

Foto-Biografin Inhaberin von MEMORIES and MOMENTS in Ostwestfalen-Lippe. "Macht was draus - damit was bleibt."
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