Zeitsprünge

Eine Lebens(abschnitts)-Biografie als Reflektion

Reitturnier in Bielefeld-Jöllenbeck 1982
Helga Koch, Hannoveraner-Stute Ortrud
Schleppjagd in Mecklenburg-Vorpommern 2007
Helga Koch, Westfalen-Wallach Monaco

Verdammt lang her!

Zwei Aufnahmen – die eine aus dem letzten Jahrhundert – die andere aus der
ersten Dekade dieses Jahrhunderts. Was für zeitliche Dimensionen!
Und doch liegen grade mal 25 Jahre dazwischen. Eine Zeitspanne, die den Lebensabschnitt eines Erwachsenen genauso prägt wie das erste Lebensjahr
eines Kindes.

Die Biografie hat immer noch diesen Mythos von häufig schlimmen
Erinnerungen, die bewahrt werden sollen. Meine Generation hat zum
Glück keine Kriegs-, Hunger- und Fluchtthemen zu bieten. Dafür jede Menge
anderer aufregender Wahrheiten.

Eine Regel, wann der richtige Zeitpunkt für die eigene Lebenserinnerung ist,
hat bisher noch niemand aufgestellt. Und das in dieser von Vorschriften und
Gesetzen wimmelnden Zeit! Sich mal eine Reflektion zu gestatten, eine Rückschau
auf Momente des eigenen Lebens, im Buch oder nur als Kurzgeschichte, kann
nützlich sein, um neue Hindernisse anzugehen. Manchmal enthält gerade das vermeintlich Alltägliche eine wertvolle Menge Inhalt. Wichtig ist nur, es
spannend umzusetzen, damit es fasziniert. Ihre Leser und vor allem Sie selbst.

Wenn Sie erst in dem weisen Alter sind, in dem Sie meinen, jetzt sei es an
der Zeit, mal alles aufzuschreiben, werden Sie es tagtäglich vor sich
herschieben, weil dann die Wehmut an tolle Zeiten aufkommt.
Deshalb: Erinnern Sie sich ruhig schon in der Mitte des Lebens an ihre
persönlichen Zeitsprünge.

 

Macht was draus – damit was bleibt.

* * *

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Ich hätte da mal ‘ne Idee …

- Helga Kochs Kolumne -

Zum Welttag des Buches

Sonntagabend im ICE Berlin nach Köln. Überfüllte Wagen mit müden Berlinbesuchern, aufgekratzten Touris, routinierten Pendlern (das sind die mit den weißen Ohrstöpseln). Am Tisch gegenüber ein unaufhörliches Geschnatter. Unwichtige Handygespräche zwingen zum Mit- und Abhören (Ja, ich bin’s – kannste mich hören? – hallo?). Von wegen “Ruhezone”. Kein Raum für Ideen-Gedanken oder gar für ein Nickerchen. Ein Paar steigt zu. In Hannover. Sie nehmen ihre Plätze ein, packen Bücher mit Lesezeichen aus, lesen. Schweigend.

Leser sind so.

Eine Chance für die ewig in der Kritik stehenden Deutschen Bahn: Wie wär’s mit einer dritten Klasse  – nur für LESER?

Berlin Hauptbahnhof

* * *

Macht was draus – damit was bleibt.

 

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Zwei Westfalen im Porträt

Lesen Sie hier Auszüge meiner Eindrücke über einen Gestüter und einem charmanten Landbeschäler.

Von der hohen Kunst, auf dem Pferderücken mit Komik, Karikatur und Poesie gleichzeitig zu begeistern.

In der Rolle des Pferde züchtenden Landwirts probiert er auf dem „Dicken“ schwierigste Dressur-Lektionen, und zwar „so lange, wie ich dat will … – oder wie er will“.
Unbekümmer­t reimt der Reiter: „Hast du nicht viel Kraft im Bein, muss der Sporn wat länger sein.
Und den Reitlehrer daheim persi­flierend heißt es bei ihm kurz und bündig:
Mit harter Hand führn Para­den meist zum Stand.

Weisheiten und Persiflage

Seine Parodien auf die Welt der klassischen Reit­lehre sind fester Bestandteil im Programm der Warendorfer Hengst­­­parade. Im Landgestüt Warendorf begann die Komi­ker-Karriere von Gestüter Georg Frerich, der als August Schulte Quaterkamp auf einem gedul­digen Kaltbluthengst mit dem stürmischen Namen Hurrican mittlerweile das Publikum über Westfalen hinaus begeistert.

In den Arenen des Pferde­sports vom ländlichen Turnier über Aa­chen bis nach Eng­land wird sein außergewöhnliches Schau­bild belacht und beklatscht.

  Ein Kaltblüter mit besonderem Charme: Hurrican

Foto: Helga Koch

Georg Frerich hat es geschafft, seine persönlichen Beobach­tun­gen in einer treffenden Weise zu karikieren, ohne sie ins Lächer­liche zu ziehen. In schöner Wahrheit bringt der Ko­mi­ker mal just auf den Punkt, was den Pferde­freund täglich bei seiner Dres­sur­arbeit wurmt:
Da muss mal so’n rich­tigen Kerl kommen und den richtig packen, dann kommt der auch. Mit überzogenen Beispielen macht er die etwas rätsel­hafte Ausdrucks­weise aus der Welt der Pferde­leute ver­ständ­lich. Und was der Anfänger für reiten­ hält, heißt bei Schulte Quaterkamp gnadenlos:
Ein Reiter, der’s nicht richtig kann, wärmt meistens nur den Sattel an.

Das Reitervolk, bei seinem mit Ernst betriebenen Sport wahrlich nicht verwöhnt mit Komikern die­ser Klasse, geht begeistert mit. Vor lauter Hinhören und Tränenweg­wischen vergisst es das Hingucken. Es weiß genau, wovon er spricht, wenn Frerich sagt:
Den kannste hin- und herschie­ben wie ’ne Schipp­karre“, und dabei lässt er Hurrican tatsäch­lich anmutig seitwärts treten. Bei aller Komik kann sich das optisch runde Ergebnis eines sorg­fältigen Trainings sehen lassen. Genau darin liegt sein Er­folg.

 Quaterkamp und Hurrican in Aktion

Foto: Kaup

Die Westfalen sind so

Als einer der dienst­ältesten Gestüter nutzt er sei­nen Arbeits­platz auf der Deck­stelle dazu, Züchter und Reiter zu beob­ach­ten. Sie liefern die Bausteine für seine Ideen. „Die Figur ist erdacht. Aber die Situa­tionen gibt es wirklich. Und ich trage sie so vor, wie diese Men­schen das machen würden. Man soll nicht meinen, dass die West­falen dumm sind, nur weil sie mal nicht ganz so schnell aus sich rauskommen“, zeigt er nach­sichtig Ver­ständnis für seine Landsmänner.

Wahrheit und Dichtkunst

An seinen ersten Reim erinnert er sich gut:
Die Hin­ter­­­hand sich besser regt, wenn man auf das Schwänzchen schlägt.
Er kam ihm beim Kutschefahren in den Sinn, einfach, weil er wahr ist. Eine wei­tere Wahrheit fiel ihm ein, als er jeman­den auf Schlauf­zügeln reiten sah. Frerich dachte sich erst: Joo. Und dann: Nee. Daraus wurde:
Ein Reiter stieß an seine Grenzen und zog darauf bald die Konse­quen­zen,
er dachte sich, ich bin nicht dumm,
ich mach den Hals mit Schlaufen krumm.

Er wünscht sich, dass der Reiter die Ironie dahinter versteht. „Mor­gens ist mir was eingefallen, abends hab ich’s hinge­schrie­ben. Plötzlich reimte sich dat“, ist er selbst überrascht.

Der gebürtige Herzebrocker will nichts davon wissen, seine Kunst mit einem Heinz Erhardt zu Pferde zu ver­gleichen, wie ihn die Presse mittlerweile bezeichnet. Seine persön­lichen Vorbilder sind „Die Bullemänner“, das Duo aus Selm, das mit seinem Ethno-Kabarett den typi­schen West­falen an sich karikiert. Ähnlichkeiten oder gar politische Bezüge sind ihm fremd: „Schulte Quater­kamp ist Schulte Quaterkamp. Hippo­lo­gisch-poe­tisch-rustikal-philosophisch. Fertig.“

Sohn des legendären Vererbers Hoppeditz

Die Auftritte bei der heimischen Hengstparade und dem Bundes­champio­nat in Waren­dorf bleiben seine bevor­zug­ten Stationen. Denn hier hat er sein Publikum, das Kopf steht, wenn Quater­kamp die „Aus­bil­­dung von der Remonte bis nache dicke Tour hin“ vor­stellt. Wichtig ist – wie im wah­ren Grand Prix auch – dass das Pferd fit bleibt. Davon ist auszugehen, denn die Auftritte zwischen den Deckeinsätzen sind für den Dicken sicherlich eine nette Abwechslung. Hurrican, ein Sohn des Rheinischen Kaltbluthengstes Hoppeditz, bleibt auch dann cool, sobald sein Reiter verständig kom­men­tiert:
Wenn er ver­sam­­mel­ten Schritt gehen soll, tut er immer so, als wenn er krank ist.

* * *Damit was bleibt.

* * *

 

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