Fundsache – Zweite Chance für Nero (39)

Mein Tagebuch mit einer Autorenkatze

Die Mila

Es tanzt ein penetrantes Licht im dustern an der Gartengrenze. Sonntagabend. Dramatische Musik, der Tatort-Renner rennt. Zur besten Krimizeit sitzt eine Frau im Erker extrem konzentriert am Laptop. Das Taschenlampenlicht lockt die Neugierige hinaus auf die Terrasse. (Früher traute ich mich nach dem „Kommissar“ mit Erik Ode nicht mal mehr in den Keller.) Es macht wrromm! zack-bumm! uff! und dann sieht sie plötzlich nur noch Sterne … .

Nun, so spannend diese Folge auch beginnt, in echt war das so:

Die Frau aus dem Erker ist auf der Terrasse gegen den Gartenstuhl geballert, der Taschenlampenstrahl des Eindringlings schießt in die Richtung der Polterei.
„N’abenddd!“ Das tanzende Licht stammt vom Nachbarn.
„Günther?? Was machst Du denn da?“
Er sucht die Mila.

Jetzt muss ich erklären, wer die Mila ist.

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Diese weiß-graue, schüchterne kleinwüchsige Katze mit dem Silberblick haben sie sich aus dem Tierheim geholt, weil Stromer* Toni, der ihnen gar nicht gehörte, der aber wiederum die Nachbarn adoptiert hatte und sich bei ihnen breit machte, als müsste das so sein, plötzlich nicht mehr kam, weil er irgendwo was gefressen hatte, das ihm nicht bekommen war, und den sie so sehr vermissten, dass sie überrascht merkten, wie sehr sie sich an ein Katzentier gewöhnt hatten.

Angeblich ist sie sehr verschmust. Wenn sie daheim ist. Doch da ist sie selten. Häufig ist sie tagelang auf Schlür*. Die bemühten Katzenfreunde versuchen empathisch, ihr Verhalten zu tolerieren, denn angeblich kommt sie vom Bauernhof, und da sei das so. (Die Autorin übrigens auch, aber ich laufe nicht ständig wech*.) Wegen der Mila schnötert* Günther nun mit der Taschenlampe durch meine Blumenbeete in der Hoffnung, dass sie sich von ihm dort auflesen lässt, damit er nachen Bedde* kann. – Ja, Flötepiepen!*

Katzen verbinden

Seit es die Mila gibt, haben wir – also Günther, Brigitte und ich – mehr miteinander geredet als in den über 20 Jahren unserer Nachbarschaft zusammen. Zu mehr als dem „Tach“ und „schönen Dank“ für gegenseitiges Annehmen von Postpaketen gab es so gut wie keinen Grund, sich auszutauschen. Gemeinsamkeiten beschränkten sich auf die lästigen Erdhügel vom gleichen Grabowski und auf einen stillen Wettbewerb, wer bei Schneefall als erster schaufelte. Mittlerweile duzen wir uns. Dank Mila und Klaus-Nero.

Es gibt noch weitere nächste Nachbarn, die nett sind, aber die haben keine Katze. Noch nicht einmal einen Hund. Sie haben Kinder und Enkel.

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Nero liebt Mila

Mein Nero mag Mila, glaube ich, denn er ist reineweg aus dem Häuschen, wenn er sie vom Erker aus durch den Garten pesen* sieht. Sehnsüchtig maulend folgt er dem hellen Blitz von Fenster zu Fenster, was vermuten lässt, dass es in seiner Biografie eine Schwester oder Freundin gab, die aussah wie diese kleine schielende Stromerin. Trifft er sie jedoch draußen an, stößt seine Sympathie dummerweise auf wenig Gegenliebe. Sie schreit ihn an und haut sogar zu. Einmal schallert sie ihm eine so derbe*, dass sich mein Schwatter* in tierärztliche Behandlung begeben muss. Warte mal, das soll sich rächen.

Während der folgenden Wochen ist einer der Mila-Eltern immer mal wieder suchend unterwegs, in der Allee, am Waldrand, im hohen Gras der Wiese nebenan, bei Tag, bei Nacht – stets ohne Erfolg. Das regelt Nero ganz anders: Er sitzt und wartet. Als sie nichtsahnend von ihrer Streuner-Tour zurückkehrt und stickum* die Abkürzung durch „seinen“ Garten nimmt, passt er sie punktgenau ab, jagt sie kreischend in die Linde, lehnt sich triumphierend gegen den Stamm und lässt sie da oben schmoren. Seit einigen weiteren Lektionen dieser Art – glaubt es oder lasst es – ward die Mila in diesem Garten nicht mehr gesehen.

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*) Ostwestfälische Umgangssprache

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Über Helga Koch

Foto-Biografin Inhaberin von MEMORIES and MOMENTS in Ostwestfalen-Lippe. "Macht was draus - damit was bleibt."
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