Die Hatty-Biografie

Lesen Sie hier die Erinnerungen eines Menschen, dem das Wohl der Tiere über alles geht.

Wie sehr der Hufschmied namens Hatty, dessen kompletten Namen Heinz-Hermann Dresmann kaum jemand kennt, jeden Tag versucht, den Tieren gerecht zu werden, durfte ich erfahren, als er mir sein halbes Leben erzählte.

In den wahren Geschichten geht es um große und kleine Pferde, Hunde, Schafe, Schweine und auch Menschen.

Schauplatz ist die Gegend in einer der schönsten Landschaften in Nordrhein-Westfalen: in der Senne, und hier zwischen Ems, Haustenbach und Boker Kanal.

Exklusive Auszüge der einzelnen fantastischen Kapitel erscheinen an dieser Stelle in loser Reihenfolge.


Wie ein Kind auf den Hund kommt – Terrier Bobby

Erster Schultag in der Dorfschule. Es ist ein sonniger Tag, nicht so heiß wie die letzten Sommertage zuvor. In der Nacht hat es ein schweres Gewitter gegeben, und ein heftiger Regen hat die schwüle Luft draußen gereinigt. Doch in dem Klassenzimmer steht eine feuchte stickige Luft.

Es riecht nach Bohnerwachs. Viele i-Dötze, Jungs und Mädchen durcheinander, und das Kind Hatty sitzen erwartungsvoll an ihren niedrigen Schulbänken und schauen auf zur Lehrerin, die mit strengem Blick was von Lesen und Schreiben lernen erzählt. Morgen früh würden sie wiederkommen, sie sollen Malzeug mitbringen und das Butterbrot nicht vergessen, wird ihnen gesagt.
Das Kind Hatty schaut durch die unnatürlich hohen Fensterscheiben hinaus in den blauen Himmel, an dem dicke weiße Wolken vorbeiziehen, und denkt:

„Nee, ich aber nicht.“

Mit dem ersten Schultag ist das Thema Schule für den Jungen Hatty erledigt. Damit will er nichts zu tun haben.

Auf dem Schulweg bummelt er hinter seinen Kumpels hinterher. Ein Ameisenhaufen am Wegesrand, in dem es von dicken schwarzen Krabbeltieren wimmelt, weckt sein Interesse, und er hockt sich zu ihnen hinunter, erspäht ein Tierchen, das eine gekrümmte weiße Raupe transportiert und verfolgt seinen Weg, während die anderen über seine Sandalen krabbeln und seine nackten Füße kitzeln.

Er kommt zu spät in den Unterricht und wird getadelt.

In den folgenden Tagen bringt ihn seine Mutter die tausend Meter bis zum Bahnhof, von wo aus sie noch beobachten kann, ob er zügig den Weg geradeaus zur Schule einschlägt. Er wäre sonst vorher abgebogen, was leicht hätte passieren können.

Jeden Morgen gibt es Theater, wenn die Mutter ihm die Butterbrote und einen Apfel in den Ranzen packt, die schlimmsten Drohungen werden ausgesprochen. Es nutzt alles nichts, der Junge will nicht zur Schule.

Bis die Mutter verzweifelt sagt: „Vater, du musst was machen. Ich weiß mit dem Jungen nicht mehr weiter.“

Der Vater überlegt. Er weiß, dass Hatty sich sehnlichst einen Hund wünscht. Immer, wenn er nachmittags von der Arbeit heimkommt, fragt sein Sohn: „Papa, kann ich einen Hund haben?“

In Lippstadt, wo der Vater zur Arbeit geht, gibt es bereits ein kleines Tierheim. Das ist etwas Besonderes, denn in den Jahren nach dem Krieg haben die Menschen genug mit sich selbst zu tun. Der Vater holt sich den Jungen heran und sagt feinfühlig: „Hör zu. Wenn du jetzt die nächsten zehn Wochen zur Schule gehst, einwandfrei, ohne zu mucken, können wir über den Hund reden.“

Heidewitzka! Ab sofort geht Hatty in die Schule. Jeden Morgen. Und tatsächlich, an einem kühlen Herbstnach­mittag holt der Vater Hatty aus der Küche mit den Worten „Komm mal her, ich hab dir was mitgebracht.“

Eiligen Schrittes geht er voraus zu dem kleinen Auto, das er vor einiger Zeit gegen sein Motorrad eingetauscht hat, weil das tägliche Fahren auf den schlechten Straßen in der dunklen, nassen Jahreszeit zu beschwerlich geworden war. Eines der ersten Autos im Dorf überhaupt ist sein Goggomobil mit so kleinen Flügeln am Heck.

Der Vater hebt die Klappe an, und der Steppke guckt neugierig hinein. Unver­mittelt fletscht ihn ein schwarzes Ungetüm an. Alles, was er sieht, sind zwei Reihen weißer scharfer Zähne und dazwischen eine blutrote Zunge, der Rest ist schwarz. „Grrrrrr!“, macht es und im gleichen Moment haut der Vater die Klappe abrupt wieder zu.

Hatty macht auf dem Absatz kehrt, rennt wie der Blitz zurück ins Haus und schreit aufgeregt: „Mama, Mama, unser Papa hat nen Bären mitgebracht!“

Der beißt, dieser Lump!

Um das wehrige Viech aus dem Kofferraum zu bekommen, zieht der Vater seine langen Motorrad­hand­­schuhe an. Die hatte er noch zurückbehalten von dem Tausch gegen das Auto. Mit den ledernen Handschuhen ausgerüstet packt er den um sich beißenden Hund, so dass der Junge befürchtet, er würde ihn erwürgen. Doch weder Vater noch Hund kriegen bei dem ungleichen Kampf groß was ab. Hinten in einer Ecke des Schuppens wird er angebunden.

Nun hat Hatty einen Foxterrier. In sicherer Entfernung hockt er sich ihm gegenüber und beobachtet, wie das fremde Tier auf seinen krummen Beinen versucht, sich von dem kurzen Strick zu befreien und zwischendurch misstrauisch aus einem hellen und einem dunklen Auge zu ihm rüberschielt.

Er nennt ihn Bobby.

In den folgenden Tagen bringt Hatty Bobby das Futter, Essensreste vom Mittagessen, und das vermeintlich böse Tier fasst Vertrauen zu dem kleinen Jungen, der so freundlich zu ihm spricht. Für ein besonderes Tier ist Futter nicht das einzige Argument.

Die klugen Großen sagen: „Den musst du mindestens vierzehn Tage an der Leine halten. Lass ihn bloß nicht frei laufen. Der ist sonst schneller weg, als du gucken kannst.“

Zum ersten Mal in seinem Leben macht ein Kind sich Sorgen …

Damit was bleibt.

* * *

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Über Helga Koch

Foto-Biografin Inhaberin von MEMORIES and MOMENTS in Ostwestfalen-Lippe. "Macht was draus - damit was bleibt."
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1 Antwort zu Die Hatty-Biografie

  1. Wem kann so etwas nicht gefallen?

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