Die Hatty-Biografie

Bereits im Kindesalter wurden die Grundsteine für seine spätere Pferdezucht gelegt. Lesen Sie, wie der junge Hatty mit seinem Kumpel vom Bauernhof auf Anhieb erfolgreicher Jungzüchter wurde.

Sonntage mit Texas

Auf dem Land gab es nichts Langweiligeres als die Sonntagnachmittage.

Die weitläufig angelegten Höfe lagen wie ausgestorben, wenn ihre Bewohner den Mittagsschlaf hielten. Kino gab es nur alle vier Wochen oder so. Für Stunden versank alles in der flimmernden Hitze des Sommers und die Zeit stand still.

Unter den Pferden vom Hof Rudolf gab es die Else, eine rundliche Fuchsstute von gut ein Meter sechzig. Der alte Rudolf setzte sie überwiegend auf dem Feld zum Nacheggen ein, aber man konnte sie auch reiten. Heute würde man sagen: Schick sie in die Senne und guck nicht hinterher. Aber uns Jungs war es so was von egal, wie ein Pferd aussah, Hauptsache, wir hatten immer irgendwas zu reiten.

Neben dieser Else gab es auf dem Hof meines Kumpels Berni einen kleinen Scheckhengst namens Texas. Dieser Shetty Texas war grelle für drei, biss wie der Teufel und war resistent gegen jede Art von Erziehung.

Als wir uns wieder einmal fragten, was wir mit diesem lähmenden Sommer-Sonntagnachmittag anfangen sollten, wusste Berni:
„Ey, unser Else ist rossig.“

Jetzt wollten wir mal wissen, wie das so funktionierte mit dem Decken, und zu dem Zweck – fanden wir – war der freche Texas genau der Richtige. Nur: Er war für die Stute viel zu klein. Berni schloss sich schnell meiner Idee an: „Wir müssen Else einbuddeln, dann kann der da drauf.“

Zu Rudolfs Hof gehörte ein Stückchen Eichenwald, in dem für die Kühe ein Deckstand eingerichtet war. In diesen Deckstand führten wir Else hinein und dann haben wir fein gegraben. Der lose Senneboden machte uns wenig Mühe. Else wurde immer kleiner, und als wir dachten, das müsste reichen, holten wir den Texas ran. Der wusste ja gleich, was los war.

Spontan sprang der kleine Hengst auf die für ihn passend gemachte Stute, erledigte instinktiv seinen Naturtrieb, und zum guten Schluss rutschte er vor lauter Eifer – oder auch Erschöpfung – weiß ich nicht – in das Loch rein und lag plötzlich zwischen Elses Hinterbeinen. Da wurden wir aber flott, dass der da wieder rauskam. Wehe, das hätte jemand von den Großen gesehen! Wir hätten so den Hintern voll gekriegt.

Es kam der Winter.

Anfang des Jahres sagte Bernis Vater: „Ihr dürft Else nicht mehr so stark füttern. Die hat ’nen Bauch gekriegt.“

Wir aber dachten: „Oh, oh! Die muss erst recht mehr in die Krippe kriegen, die ist tragend.“ Davon konnte der Bauer ja nichts ahnen.

Und als wir eines Mittags nach der Schule auf den Hof kamen, empfing uns Bernis entsetzter Vater: „Jungs, uise Else hätt ’nen Rind kriejen!“

Voller Aufregung rannten wir in den Stall und sahen ein rotbuntes Fohlen bei Stute Else im Stroh liegen, einen kleinen Schecken mit einem entzückenden runden Köpfchen. Die Grundfarbe war vom frechen Shetty Texas und die bräunliche Tönung von der großen Mama.

Bauer Rudolf konnte es gar nicht einsortieren, wie es jemals zu so einer Paarung kommen konnte, und wir Jungs haben auf ewig dicht gehalten.

Das war einfach Ehrensache.

* * *

Aus Rücksicht auf die Beteiligten in diesen wahren Hatty-Erzählungen
sind bis auf die Tier- und Ortsnamen alle Namen verändert.

Damit was bleibt.

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Über Helga Koch

Foto-Biografin Inhaberin von MEMORIES and MOMENTS in Ostwestfalen-Lippe. "Macht was draus - damit was bleibt."
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2 Antworten zu Die Hatty-Biografie

  1. avatar Wieland sagt:

    Das nenne ich wahre Freundschaft unter Männern

  2. avatar Jürgen sagt:

    Ich sehe den kleinen Hatty so richtig vor mir.

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