Pferdeweltgeschichten

„… und das soll nun Spass machen?“

Die wahre Geschichte des Fritz G.* und wohin uns das Pferd so führt

In den neunziger Jahren ging das los. Dieser Boom mit dem Kutschefahren. Wir Reiter hatten längst unseren alten Armin eingefahren und meldeten uns zum Fahrkurs an, damit wir „nach Achenbach“ fahren lernten. Bisher zockelten wir nämlich nur einspännig drauflos, und zumeist nach „Meerkotten“, der urigen Kneipe an der Landstraße.

Dieser Fahrlehrgang fand an zwei Wochenenden in den blühenden Landschaften des Kalletals in den alten Bundesländern statt. (Kleine Anspielung auf Kohls berühmten Satz.) Aber weiter: Wir betrachteten sie als blühend, weil die Rapsfelder im Frühjahr die sanften Hügel fröhlich sattgelb einfärbten.

An einem sonnigen, dennoch recht kalten Maisonntag, unmittelbar vor dem abschließen-
den Prüfungstag, erschien überraschend am Trainingsplatz unser Reiterfreund Fritz G. mit seiner Marion*. Wir kamen gerade mit zwei herrlichen Rappen vor dem Marathon-
wagen aus dem Gelände zurück und drehten noch einige Runden, um eifrig an der Umsetzung der erlernten Kenntnisse zu feilen. Fleißig gehorchten die kräftigen Pferde der Leinenführung, es war eine Lust zu fahren.

Hoch konzentriert auf dem Bock sitzend, bemerkten wir im Augenwinkel die Anwesenheit der Reiterfreunde. Lässig hing man über dem Geländer und verfolgte unser Getue. Vermutlich fragte man sich nach dem Sinn des Ganzen. Mit Freude und Stolz im Herzen lenkten wir das Gespann auf die beiden zu, um uns wegen unseres neuen Hobbys entsprechend bewundern zu lassen. Ihre einzige Reaktion war ein kurzes Kopfnicken. Schließlich öffnete Fritz G. den Mund und sagte mehr feststellend denn fragend: „Und das soll nun Spass machen?“, während sie skeptisch zufügte: „So was macht man doch erst, wenn man alt ist.“

Die sog. preußische Anspannung:
Mit Fuchs und Rappe durch die Senne.

Was wir zu dem Zeitpunkt noch nicht wussten: Die Beiden waren lediglich wegen der legendären Schlachteplatte des angeschlossenen Cafés und damit zu einer zufälligen Begegnung mit uns gekommen. Nur die Tatsache, dass die Lokalität noch nicht geöffnet war, führte sie überhaupt auf den Trainingsplatz. Hansmeier’s Café war der absolute Megatreff für Sonntagsausflügler schlechthin. Hier gabs unvorstellbare Portionen an Sahnetorte oder Mettwurst- und Schinkenbroten oder beides gleichzeitig. Glaubt es oder lasst es, wir haben es erlebt, wie die Gäste vor der Öffnung ungeduldig scharrend vor der Türe Schlange standen, um bei Einlass die Ersten zu sein.

Was dann jedoch nicht einmal ein Jahr später auf die Fahrerwelt zukommen sollte, ist ein Kuriosum ohnegleichen. Der Sinneswandel des abschätzig dreinguckenden Fritz G. und seiner Frau kam unvermittelt, und er war weder damals noch heute für irgend jemanden nachvollziehbar. Fakt ist: Beim nächsten Fahrkurs waren Fritz und Marion dabei und schlossen ihn mit Bestnoten ab. Der Reiz des Jagdreitens schien vorbei zu sein, plötzlich eigneten sich ihre Pferde mehr zum Gespannfahren denn zum Reiten.

Die weitere Chronik liest sich wie die einer ungewöhnlichen Sportlerkarriere. Gleich bei den ersten Starts wurden sensationelle Siege und Platzierungen errungen. Einmal vom Fahrfieber gepackt, wurden Pferde eingetauscht, Kutschen aller Art und entsprechende Transportfahrzeuge angeschafft, zahlungskräftige Sponsoren gefunden. Auf dem Weg zum Detmolder Pils-Cup wechselte man kurzfristig die Vereine und Trainingsplätze, um die besten Voraussetzungen für die Fahrt an die Spitze zu schaffen. Mit den erfahrenen Welt- und Europameistern war man per Du. Wenn Fritz was anpackte, machte er es 200-prozentig.

Es kam die Nominierung in den Westfalen-Kader, dann ging es weiter in die nächste Kategorie: S – Schwere Klasse. Und schließlich vierspännig! Nach nur zwei Jahren im aktiven Turniersport und drei Jahre nach dem ersten Griff in die Leinen. Und keine vier Jahre nach diesem platten Satz „Und das soll nun Spass machen?“, der zu einem Running Gag wurde und stets größte Erheiterung auslöste, wann immer er vom Kutschbock selbstbewusst grüßend an uns vorbeirollte.

* Diese Namen sind geändert.

Damit was bleibt.

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Über Helga Koch

Foto-Biografin Inhaberin von MEMORIES and MOMENTS in Ostwestfalen-Lippe. "Macht was draus - damit was bleibt."
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